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"Unsere
Beschwerden wurden durch Prügel erledigt"
Petitionsausschuss
des Bundestages beschäftigt sich mit dem Schicksal von
Kindern aus kirchlichen und staatlichen Erziehungsheimen
Berlin.
Wäre Wolfgang F.
nicht in den Nachkriegsheimen der jungen Bundesrepublik
aufgewachsen, könnte er heute ein Handwerksmeister sein oder
ein Finanzbeamter. Er könnte sich Anerkennung erworben haben
und auskömmlich leben. Aber der freundliche, kleine Mann
lebt von 286 Euro Rente, die ihm der Staat mit Sozialhilfe
aufstockt und hat 18 Jahre seines Lebens in Gefängnissen
verbracht.
Wolfgang F. ist eines der ehemaligen
Heimkinder, die dem Petitionsausschuss des Bundestags jetzt
ihren Leidensweg in den kirchlichen und staatlichen
Erziehungsheimen der 1950er und 1960er Jahre geschildert
haben. 184 Mal, sagt er, sei er ausgerissen. Er war Ende der
50er und Anfang der 60er Jahre in verschiedenen staatlichen
Heimen in Nordrhein-Westfalen. Selbst in die Psychiatrie wurde
er gesteckt, weil er nicht aufgab und immer wieder weglief:“
Die Gitterstäbe da waren dicker als die, die ich später
im Knast gesehen habe. Um den Weg nach Hause zu schaffen,
klaute er ein Fahrrad, dann ein Moped, weil sie ihn immer
weiter weg von zu Hause unterbrachten. Unterwegs besorgte er
sich was zu essen, „Geld hatten wir ja nicht“. So fing
seine kriminelle Karriere an. Später war er Strichjunge
und noch später Zuhälter. Den Ausstieg aus dem
kriminellen Milieu hat er allein geschafft. Das ist gut 20 Jahre
her. “Der Staat hat uns in den Heimen zu Verbrechern
erzogen und dafür nachher bestraft“, sagt Wolfgang
F. heute.
„Der
Staat hat uns in den Heimen zu Verbrechern erzogen.“
Wolfgang F., lange Jahre in Kinderheimen untergebracht
Der
Verein ehemaliger Heimkinder, dem er sich angeschlossen hat, hat
im Bundestag eine Petition eingereicht. Darin fordern die
früheren Zöglinge, dass sie als Opfer von
Menschenrechtsverletzungen anerkannt werden. Unbezahlte Arbeit,
die ihnen abverlangt wurde, soll bei der Rentenberechnung
berücksichtigt werden. Die Kinderarbeit in den Heimen sei
Unrecht gewesen, die menschenverachtenden Erziehungspraktiken
müssten nachträglich geächtet werden, verlangen
die Betroffenen. Neun Männer und Frauen, unter ihnen
Wolfgang F., haben den Bundestagsabgeordneten den unbarmherzigen
Heimalltag geschildert. Sie mussten als Kinder und Jugendliche
ohne Bezahlung bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten, in der
Landwirtschaft, als Bäcker, Waschfrauen, Büglerinnen,
Heizer, Putzfrauen. Sie wurden von Erziehern sexuell
Misshandelt, Prügel, brutale Strafen, Einzelhaft und
Einlieferungen in die Psychiatrie gehörten zu den
Disziplinierungsmitteln. Sie leiden heute unter
Angststörungen, Depressionen, Schmerzen.
„Beschweren?“,
sagt Wolfgang F., Das konnten wir damals nicht. „Unsere
Beschwerden wurden durch Prügel erledigt.“ Dass
1961 die staatliche Heimaufsicht eingerichtet wurde, sei den
Kindern in den Anstalten nie zu Ohren gekommen. Stellen, an
die sie sich hätten wenden können, gab es nicht. Ihm
wurden für fünfeinhalb Jahre schwere Arbeit in der
Landwirtschaft insgesamt 254 Mark zugebilligt, ein paar
Pfennige pro Stunde, berichtet Wolfgang F.- selbst dieses Geld
habe er nie bekommen. Die Öffentlichkeit war ausgeschlossen,
als die ehemaligen Heimkinder vor den Abgeordneten im
Petitionsausschuss ihre Berichte vorlasen. Wolfgang
Rosenkötter, Vorstandsmitglied des Vereins, berichtete
anschließend, die Abgeordneten hätten viel
Verständnis und eine große Empathie gezeigt. Der
Geschäftsführer des Vereins Michael-Peter Schiltsky,
erklärte, ihm sei aus allen Fraktionen signalisiert
worden, dass die ehemaligen Heimkinder bei ihren Forderungen
unterstützt würden.
Die Jugendhilfe-Expertin
und SPD-Abgeordnete Marlene Rupprecht, die sich für die
Anhörung eingesetzt hatte, wertete sie gestern auf Nachfrage
als „sehr guten Start“ zur Aufarbeitung des
Unrechts. Der Petitionsausschuss habe zum ersten Mal überhaupt
Betroffene angehört. Sie habe ihre Kollegen „noch nie
so still erlebt“, sagte Rupprecht und sehe „eine
große Bereitschaft, Lösungen zu suchen“. Es
gehe von Menschenrechtsverletzungen bis zur Rentenforderungen nun
um Einzelfragen, die koordiniert werden müssen und Zeit
bräuchten.
„Ich habe meine
Kollegen noch nie so still erlebt.“
Marlene Rupprecht, SPD-Mitglied des Petitionsausschusses
Das
Schicksal der früheren Heimkinder war zu Beginn des Jahres
durch ein Buch des „Spiegel“-Autors Peter
Wensierski mit dem Titel „Schläge im Namen des
Herrn“ bundesweit bekannt geworden. Viele Opfer haben
Jahrzehnte über ihre traumatischen Erlebnisse
geschwiegen. Das Diakonische Werk und der Deutsche
Caritasverband haben den Betroffenen eine Aufarbeitung des
Unrechts in den kirchlichen Heimen zugesagt (epd)
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